Macht das Spaß? Ein 40-Meter-Tauchgang im Klärschlamm eines Faulturms

by    DiveSSI    6th March 2020
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Das ist wie Schneeschaufeln bei 37 Grad
Die Tauchbedingungen sind eigentlich optimal: Keine Strömung, keine gefährlichen Wrackteile in der Umgebung, angenehme Temperaturen und ein überschaubarer Tauchbereich... Überschaubar...? Streng genommen eigentlich nicht, denn der Tauchgang findet bei „Null“ Sicht im Faulturm einer Kläranlage statt. Und die Rede ist von Berufstauchern, genauer gesagt von Gregor Ulrich, der mit seinem zwölfköpfigen Tauchteam vom Wiener Umwelttauchservice im deutschsprachigen Raum, vorwiegend in deutschen Kläranlagen unterwegs ist. 
Das Wiener Familienunternehmen wurde von Gregors Vater Anton vor über 40 Jahren gegründet. Seit 1996 sind die Ulrichs als Spezialisten für Faulturm- und Kläranlagenarbeiten im Einsatz. Gregor war zehn Jahre mit vor Ort in den europäischen Kläranlagen unterwegs. Nun schmeißt er gemeinsam mit Vater Anton den Laden, der sich inzwischen zu einem der wenigen Topspezialisten auf diesem „anrüchigen“ Sektor gemausert hat.
Gestern posteten wir auf Facebook ein Foto von einem austauchenden Berufstaucher aus Gregors Team, das unsere User gepackt und neugierig gemacht hat, wie man sich so etwas antun kann. Nun die Antwort ist ganz einfach: Mit dem schönsten Sport der Welt hat das herzlich wenig zu tun und solche Einsätze in dreistufigen Kläranlagen sind im wahrsten Sinne des Wortes kein Honigschlecken sondern eher Sch...
Gregor ist jetzt 36 Jahre alt, hat zehn Jahre in zahlreichen Klärbecken und Faultürmen seinen Job als Berufstaucher erledigt. Hat er noch Lust auf entspannte Urlaubs-Tauchgänge in der Karibik, den Malediven oder im Mittelmeer. „Nein, die Sporttaucherei ist vorbei, das ist mir zu gefährlich“, sagt er und lacht verschmitzt, denn was er und seine Kollegen bei Temperaturen um die 37 Grad Celsius in Faultürmen mit Tiefen bis zu 40 Metern berufsbedingt veranstalten, ist ein Blindflug in einem gefährlichen Metier. Gregor Ulrich taucht grundsätzlich nur in kontaminierten Gewässern, also im Abwasser von Kläranlagen.
Die kleineren Vorklärbecken, sind die Ouvertüre. Nur vier bis acht Meter tief und meistens um die 20 Grad warm. Hier dauern die Tauchgänge manchmal bis zu drei Stunden. Dekotabellen brauchen die Wiener Tauchspezialisten hierfür aufgrund der geringen Tauchtiefen nicht. In diesen Becken klären aerobe Bakterien die Abwässer der Städte und Gemeinden vor. Um das für das Entstehen der wichtigen Bakterienkulturen notwendige aerobe Umfeld zu erzeugen wird mit Niederdruckkompressoren Pressluft in die Becken eingeblasen und über sogenannte Teller und Platten verwirbelt. 
Diese Technik wird bei den Inspektions- und Reinigungstauchgängen abgeschaltet und die Taucher entfernen Schlämme und Fremdbestandteile aus dem Becken, um die Vorklärung erfolgreich am Laufen zu halten. Von hier aus geht das vorgereinigte Abwasser in die Klär- und Schlammtürme und hier kommts dann ganz Dicke...! 
Diese großen, bis zu 40 Meter hohen Faultürme, haben ein anaerobes Milieu und hier entsteht bei den Faulvorgängen Methangas, was die Tauch-Aktivitäten zusätzlich erschwert. „In solchen Faultürmen entsteht bei dem Prozess mehr Energie, als die gesamte Anlage verbraucht und das Methangas ist ein willkommenes, aber auch gefährliches Nebenporodukt des Klärprozesses“, erläutert Gregor Ulrich. Es herrschen strenge Sicherheitsvorschriften, denn bereits ab Entfernungen von fünf Metern vom Methanmilieu im Klärturm herrscht Explosionsgefahr, die sogenannte Zone 1.
Im Turm drinnen, oberhalb des Füllpegels der Faulmasse – in der Zone „Null“ - kann jeder Funke zum Drama führen, weshalb hier auch nur mit ganz besonderen Ausrüstungen und Werkstoffen getaucht werden darf. Das hat rein gar nichts mehr mit Soporttauchen, wie wir es kennen, zu tun. „Wenn man dann das Restlicht durch die Einstiegsluke verschwinden sieht und man schlagartig Null Sicht hat, hat man die kritische Zone Null hinter sich gelassen, dafür steckt man dann aber bis über beide Ohren im Schlamassel“ erklärt Gregor Ulrich, denn der zähe Brei hat durchgängig mit 37 Grad Celsius alles andere als eine angenehme Tauchtemperatur. 
Der wasser- und gasdichte Spezialanzug nimmt mit seinem am Hals befindlichen Bajonettanschluss den Spezialhelm auf, dessen Sichtfenster eigentlich nichts zeigt. Darum ist eine Tauchlampe, ein Computer oder Tiefenmesser auch gar kein Ausrüstungsbestandteil, weil ohnehin nicht verwertbar. Der geschlossene Anzug wird über ein Schlauchpaket mit vier Leitungen von dem Serviceteam an der Oberfläche, außerhalb des Faulturms mit Luft versorgt. Mit Free-Flow wird Atemluft in den Anzug geblasen.  Diese strömt auch in den Helm ein, sodass der Taucher hier auch wie beim klassischen Helmtauchen ohne Atemregler atmen kann. Über Ventile wird der Flow und die Luftmenge reguliert, über ein integriertes Telefon sind Dialoge zwischen Serviceteam und Taucher möglich.
Die in den Anzug eingeblasene Luft kühlt den Taucher ein wenig ab, denn schon nach wenigen Minuten werden die 37 Grad Umgebungstemperatur alles andere als spaßig. Ein kleiner, knapp eineinhalb Meter langer Schlauch sorgt gelegentlich für Abkühlung, wenn der Taucher über das sogenannte Pneumoventil einen Kaltwasserstrahl von außen auf seine Brust oder die Hände richten kann, der zumindest vorübergehend für leichte Abkühlung sorgt. 
Wie fühlt man sich, wenn man praktisch nur im Abwasser der Menschheit taucht? 
„Das hat zumindest aus der Sicht des Berufstauchers viele Vorzüge“ sagt Gregor Ulrich. „Es ist immer warm und wir müssen nie in eisigen Gewässern oder im kalten Milieu tauchen. Wir haben ein ruhiges, konstantes Medium und wir tauchen nur in einem klar abgegrenzem Raum“, erläutert der Profi. Und: „Wir tauchen eigentlich immer in einer gesicherten Umgebung. Bei unseren Tauchgängen herrscht nie Strömung, wir haben keinen Schiffsverkehr überm Kopf und keine gefährlichen Installationen oder Wracks von denen Gefahr ausgeht“, macht Gregor Ulrich einem schon beim Zuhören fast Lust, es einmal selbst auszuprobieren. Doch er fügt auch sogleich einen Nachteil an: „Für die Psyche ist das schon ziemlich hart. Zumindest am Anfang!“ Und darin liegt dann wohl auch einer der Hauptgründe, dass die Berufstaucherei in solchen schwierigen Milieus nicht gerade der Traumjob ist, weshalb das Faulturmtauchen aber auch mit rund 500 Euro Tageshonorar ein einträgliches Geschäft für die Berufstaucher ist.
Stellt sich nur noch die Frage: Was, um Himmels willen, macht ein Taucher in einem Faulturm ohne einen Zentimeter Sicht bei 37 Grad Wärme? Nun, die Frage beantwortet sich ganz leicht, denn der Grund für die regelmäßigen Reinigungen der Klärbecken und Faultürme ergibt sich aus den von den Mikroben und Bakterien zerlegten organischen Bestandteilen, die sich dann als Klärschlamm am Boden des Faulturmes absetzen. Mit einer Mammutpumpe wird dann unter Einblasen von Pressluft ein Venturi-Effekt erzeugt, mit dem der Taucher den Boden vom Schlamm befreit und damit das bakterielle Milieu im Faulturm wieder aufpeppt. 
Manchmal sind es richtige Klumpen, eine wabernde Masse, die mit der vom Wiener Unternehmen selbst entwickelten innovativen Doppelpumpen-Saugtechnik aus dem Faulturm in einen Entsorgungscontainer draußen am Fuß des Faulturms befördert wird. „Das ist wie Schneeschaufeln bei 37 Grad“, erklärt Gregor Ulrich mit seinem Wiener Humor und lacht dabei. „Bisweilen kommen auch mal sogenannte 'Zöpfe' heraus, das sind vernetzte Überbleibsel menschlicher Abfälle, die über Toiletten und Abwässer mit entsorgt werden,“ erklärt Gregor wenig begeistert über die Abfall-Entsorgung über die Toiletten... Ach ja: Die Tauchgänge in den Faultürmen sind natürlich manchmal auch Dekotauchgänge, denn bei 90 Minuten Tauchzeit im bis zu 40 Meter tiefen Faulturm hat man bisweilen auch mal ein wenig Deko auf der Uhr“, sagt Gregor. Das ist aber kein Problem, denn der Oberflächensupport sorgt für das komplette Sicherheitspaket, denn ein 'DecoBrain' wäre hier auch nicht der geeignete Tauchpartner...
Auch für den unwahrscheinlichen Fall eines Ausfalls des Kompressors sind immer zwei 40 Liter Reserveflaschen angeschlossen und bereit, um sofort über den Notschlauch im Schlauchpaket einen konstanten Fluss des Atemgases sicher zu stellen. Der schönste Moment des Tauchgangs ist dann das Austauchen, wenn der Kopf durch die Oberfläche dringt, die Scheibe vereinzelt durch freiwerdende Glasflächen Tageslicht in den Helm und das Augenlicht des Tauchers dringen lässt und es aufwärts geht, mit der Winde hinauf zum Ausstieg. Kühles Spülwasser spritzt von oben auf den Helm, auf  den Anzug, die Handschuhe, ein tolles Gefühl für den Taucher. Vielleicht ist es vom Gefühl her sogar ein wenig ähnlich, wie wenn man beim Tauchgang auf den Malediven grad einem Walhai begegnet ist... Vielleicht... Aber auf jeden Fall befreiend und sauber und kühl und endlich wieder oben... heraus aus dem Scheiß...
Kontakt:
Gregor Ulrich
Umwelttauchservice Österreich
office@umwelttauchservice.at
www.umwelttauchservice.at

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DiveSSI
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6th March 2020
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