Die Hälfte der Korallenriffe ist schon jetzt verloren

by    DiveSSI    15th May 2019
de: Schönes Beispiel für die mehrstöckige Lebensgemeinschaft am Meeresboden: Mitte: Hornkoralle und dahinter koloniebildende Seescheide, darauf: Seeanemone, Seegurke, verschiedene Arten von Schlangensternen und ein haarstern,Hintergrund links: 2 gestielte langgesterckte Schwämme, meeresboden bedeckt von verschiedenen sessilen Suspensionsfressern 
en: Good example for so called multi-storied assemblage, centre: gorgonarian and behind it a colonial ascidian, on it: sea-anemone, sea cucumbers, different species of brittle stars and a feather star. Background left: two stalked elongate sponges; sea floor covered by many different sessile suspension feeders.
Schönes Beispiel für die mehrstöckige Lebensgemeinschaft am Meeresboden, (c) Julian Gutt
de: Insbesondere auf dem flacheren Schelf der Antarktis können die Lebensgemeinschaften durch Nesseltiere, wie die hier abgebildeten orangenen Hornkorallen dominiert sein. Auf ihnen siedeln Haarsterne, die auch schwimmen können. Dazwischen gibt es Röhrenwürmer mit ihren weißen Tentakelkronen, Moostierchen, Schlangen- und Seesterne, Seeanemonen, Weichkorallen und die gelblichen Schwämme. Tiefe ca. 290 Meter
Insbesondere auf dem flacheren Schelf der Antarktis können die Lebensgemeinschaften durch Nesseltiere, wie die hier abgebildeten orangenen Hornkorallen dominiert sein. Auf ihnen siedeln Haarsterne, die auch schwimmen können, (c) Julian Gutt
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Prof. Dr. Julian Gutt vom AWI hat als einer der Leitautoren am IPBES-Bericht mitgearbeitet, (c) Kerstin Rolfes

AWI-Experte zur Bedeutung der marinen Biodiversität

Die Ozeane haben für den Menschen eine ähnliche Bedeutung wie unsere Landökosysteme. Weil Veränderungen unter Wasser viel schlechter sichtbar sind als an Land, war es um so wichtiger, im Sachstandsbericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES), der am 16. Mai 2019 erschienen ist, die Meere gleichermaßen zu berücksichtigen

Es kommentiert Julian Gutt, einem der Leitautoren des Berichts und Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI):

Die Ozeane bedecken 71 Prozent der Erdoberfläche; ihre Ökosysteme sind ungefähr ebenso vielfältig an Lebensformen wie die an Land und genauso wichtig für viele Menschen. Gerade weil ich selber wissenschaftlich mit bildgebenden Methoden, Unterwasserfotografie und -video arbeite, bin ich immer wieder von der Formenvielfalt in den Meeren begeistert. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) hat sich in seinem ersten Globalen Sachstandsbericht der Fragen angenommen, wie der Zustand der Lebensvielfalt auf der Erde ist und wie wir Menschen damit umgehen. Schließlich hängen wir alle von den Leistungen der Pflanzen und Tieren ab – sei es für Nahrung, Rohstoffe, Klimaschutz oder Medizin – und wir brauchen Mikroorganismen für das Nährstoffrecycling und die Gesundheit. Den Ozeanen kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Eine Milliarde Menschen lebt überwiegend von Fischen und anderen Meeresfrüchten, der Ozean deckt über 20 Prozent unseres globalen Eiweißbedarfs. Die Hälfte des Sauerstoffs, den wir atmen, wird ständig von Algen in den Meeren produziert.

Wir stecken damit also in einer Art Zwickmühle. Wir müssen in natürliche Ökosysteme für unser Überleben eingreifen, diese Nutzung müssen wir aber so nachhaltig gestalten, dass auch für die nächsten Generationen eine Existenz in einer intakten Umwelt garantiert ist. Der neue Bericht des Weltbiodiversitätsrats zeigt, dass uns das derzeit nicht gelingt und wir schleunigst umsteuern müssen, um noch massivere Schäden zu vermeiden.

Der Zustand der Meeresökosysteme ist auf den ersten Blick nicht so deutlich sichtbar wie an Land, deshalb werden Öffentlichkeit und Entscheidungsträger in dem Sachstandsbericht auch insbesondere über die Meere informiert. Die Menschheit hat weite Teile der Ozeane in den letzten 150 Jahren stark verändert. So ist schon heute bereits die Hälfte aller Korallenriffe durch menschlichen Eingriff in die Natur vernichtet worden. Dabei sind ganze Korallenriffe im tropischen Flachwasser noch vergleichsweise gut sichtbar, nicht aber die Kaltwasserkorallen und Schwammriffe des tiefen Ozeans, die durch Fischerei und Vermüllung bedroht sind. Ähnlich wie die Eisbären, deren Lebensraum durch den Klimawandel verloren geht, sind Korallenriffe eine Ikone der Biodiversität. Doch so wie in der Arktis nicht nur die Eisbären betroffen sind, sondern auch eine Vielzahl von Vögeln, Meeressäugern und kleinen Lebewesen, so ist der Verlust von Arten in den Meeren mit hoher Wahrscheinlichkeit wohl viel verbreiteter als wir es dokumentieren können.

Anhand der Fläche der zerstörten Korallenriffe und die zu erwartenden globalen Verluste bis Ende des Jahrhunderts können wir ableiten, dass die Anzahl unwiederbringbar ausgestorbener Arten hoch ist und steigt. Anders als an Land gibt es aber noch nicht einmal Hochrechnungen für diese Dunkelziffer. Wir wissen auch oft nicht, welche eventuell wichtige Funktion für andere marine Tiere und Pflanzen die meisten ausgestorbenen oder gefährdeten Arten im Meeresökosystem hatten bzw. noch haben, denn marine Nahrungsnetze langfristig zu beobachten, ist sehr aufwendig und teuer. Aber so wie die Bienen an Land essentiell für die Bestäubung vieler Pflanzen sind, gibt es auch im Meer sehr enge Zusammenarbeit zwischen Arten. Und auch auf Arten, die noch nicht ausgestorben sind, ist laut IPBES-Bericht der menschliche Einfluss beträchtlich. Ein Drittel der von uns Menschen genutzten Fischbestände ist überfischt oder bereits eingebrochen. Experten schätzen, dass der Klimawandel das weltweite Algenwachstum in den nächsten Dekaden um bis zu 10 Prozent und die Fischmenge bis 25 Prozent reduzieren wird.

Lösungen erfordern nach dem jetzt erschienenen IPBES-Bericht eine gesamtheitliche Beachtung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, bei denen der Mensch und seine belebte Umwelt im Mittelpunkt steht. Dazu gehört unter anderem, den Hunger zu beenden, das Leben an Land und in den Ozeanen zu schützen, Gesundheit sicherzustellen und den Klimawandel zu stoppen. Diese Probleme können nach Einschätzung des Weltbiodiversitätsrats nur gemeinsam und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse in Kombination mit gesellschaftlichen Transformationen gelöst werden. Dabei ist aber heute schon große Rücksichtnahme auf die Lebensvielfalt überall auf der Erde nötig – bei uns vor Ort und auch dort, wo die Veränderungen nicht direkt vor unseren Augen stattfinden. Nicht nur wegen ihres Nutzens, sondern weil es allgemein auf ein ausgewogenes Miteinander aller Lebewesen auf der Erde ankommt, müssen wir das Artensterben sofort stoppen.

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15th May 2019
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